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Biostimulanzien: Was sie sind, was sie können, was nicht

Biostimulanzien sind kein Dünger und kein Pflanzenschutzmittel. Was sie im Betrieb leisten, belegt aus Versuchen, und wo der Einsatz nichts bringt.

Von Frederik Schulte 14. April 2026 7 Min Lesezeit

Für Skeptische Profi-Gärtner, ROI-orientierte Kulturleiter

Der europäische Markt für Biostimulanzien hat sich in zehn Jahren verdreifacht: von 0,5 Mrd. Euro 2015 auf 1,4 Mrd. Euro 2025. Mit dem Geld kamen die Versprechen. Was die Mittel wirklich können, steht in den Versuchsberichten, nicht in den Prospekten.

Dieser Artikel sagt Ihnen, was die Produkte konkret tun, was sie nicht tun, und wann sich der Einsatz im Betrieb rechnet.

Was sind Biostimulanzien?

Biostimulanzien wirken anders als klassische Dünger. Sie versorgen die Pflanze nicht direkt mit Nährstoffen, sondern aktivieren pflanzeneigene Mechanismen: Wurzelwachstum, Stresstoleranz, Nährstoffaufnahme, sekundäre Abwehrstoffe.

Sie wirken auch anders als Pflanzenschutzmittel. Sie töten keinen Schaderreger ab, sondern stärken die Pflanze von innen — über Wurzelmasse, Zellstabilität und Stresstoleranz. Eine widerstandsfähigere Pflanze steckt Druckphasen besser weg. Das ist ein Resultat des Mechanismus, kein Wirkstoff gegen einen Erreger.

Wer Biostimulanzien als „Dünger-Ersatz” oder „PSM-Ersatz” verkauft bekommt, sollte den Verkäufer wechseln. Die richtige Frage ist: In welcher Phase steht meine Kultur unter Druck, und kann ich den Druck mit einer Aktivierung pflanzeneigener Mechanismen reduzieren?

Welche Wirkung ist realistisch zu erwarten?

Realistisch sind 5 bis 10 Prozent Mehrertrag, 5 bis 25 Prozent bessere Nährstoffeffizienz und rund 15 Prozent bei der Produktqualität. Die Bandbreiten stammen aus dokumentierten Versuchen der LWK Niedersachsen, des LELF Brandenburg und der Universität Bologna.

BereichRealistische Wirkungserwartung
Ertragssteigerung5 – 10 %
Nährstoffeffizienz+5 – 25 %
Produktqualität (Haltbarkeit, Optik, Aroma)+15 %

Das sind keine Wundereffekte. Das sind solide Werte für ein Mittel, das im Cent-Bereich pro Pflanze kostet, vorausgesetzt man trifft die richtige Stellschraube.

Wo funktionieren Biostimulanzien nachweislich?

Am belastbarsten belegt sind zwei Anwendungen: Ertragssteigerung im Freiland und Stecklingsbewurzelung in der Vermehrung. Beide Versuche liefern Zahlen, die sich direkt in die Kalkulation übernehmen lassen.

Möhren Ertrag im Freiland (LELF Brandenburg, 2023)

LELF Brandenburg, Sorte Bengala F1, Freiland. Sieben Applikationen Loker SA à 1 l/ha.

Ergebnis: Ertrag 565 dt/ha vs. 453 dt/ha Kontrolle — plus 25 %. Rübengewicht 185 g statt 149 g.

Ein Ergebnis, das in der Wirtschaftlichkeitsrechnung schwer zu ignorieren ist.

Stecklingsbewurzelung mit MiCo (Trichoderma harzianum)

Bewurzelungsrate mit MiCo: 92 % vs. 40 % Kontrolle. Vergleichsbehandlung mit 0,5 % Indolbuttersäure: 90 % — also auf dem Niveau eines klassischen Bewurzelungshormons. Abgestorbene Pflanzen: 8 % (MiCo) vs. 43 % (Kontrolle).

Für Vermehrungsbetriebe ist das eine direkte Kalkulationsgröße: Wenn von 1.000 Stecklingen statt 400 nun 920 anwurzeln, rechnet sich der Aufwand schnell.

Wo funktionieren Biostimulanzien nicht?

Als Hemmstoff-Ersatz. Zwei Versuchsreihen der LWK Niedersachsen von 2022 zeigen an Pelargonium, Cuphea, Gomphrena und Primeln übereinstimmend keine Hemmwirkung. Negativbefunde wie diese sind die nützlichsten Ergebnisse der Praxisversuchs-Literatur, weil sie Fehlinvestitionen verhindern.

Shift als Hemmstoff-Ersatz (LWK Niedersachsen, 2022)

Versuch mit Pelargonium zonale, Cuphea und Gomphrena.

Ergebnis: Shift allein zeigt keine Hemmwirkung. Ein Biostimulanz ist kein Wachstumsregler und ersetzt keinen chemischen Hemmstoff.

Die Ableitung: Wer Shift als Stand-alone-Hemmstoff einplant, gibt Geld aus ohne den erwarteten Effekt. Genau davor warnt eine ehrliche Beratung — statt eine Wirkung zu versprechen, die das Mittel nicht hat.

Shift bei Primeln (LWK Niedersachsen, 2022)

Neun Behandlungen, keine messbare Hemmwirkung. Bestätigung der vorherigen Erkenntnis: Shift ist keine universelle Hemmstoff-Alternative.

Solche Negativbefunde sind die wichtigsten Ergebnisse in der Praxisversuchs-Literatur. Sie verhindern, dass Sie Geld in Anwendungen stecken, in denen das Mittel nicht trägt.

Wann rechnet sich der Einsatz im Betrieb?

Der Einsatz trägt sich dort, wo ein klar benannter Engpass vorliegt: Stressphasen, Vermehrung mit hohen Ausfällen, eingeschränkte PSM-Verfügbarkeit oder ein chronischer Mangel. Ohne konkrete Zielsetzung ist das Geld verbrannt.

Vier Situationen, in denen Biostimulanzien sich typischerweise rechnen:

  1. Stresssituationen (Hitze, Kälte, Salzgehalt, Wassermangel). Glycin-Betain in Klimaphasen mit Druck.
  2. Vermehrungsphasen mit hohen Ausfällen. Bewurzelung, Anwachsphase.
  3. Bio-Anbau oder Rückstandsdruck, wo PSM nicht oder nur eingeschränkt verfügbar sind.
  4. Bekannte Mangel-Anfälligkeit (Calcium bei Primeln, Magnesium bei Pelargonien). Wenn der Mangel chronisch ist, lohnt sich die präventive Versorgung.

Wann der Einsatz nicht lohnt:

  • Als Gießkannen-Anwendung ohne klare Zielsetzung („machen wir mal mit”)
  • Als PSM-Ersatz bei starkem Schaderreger-Druck und vorhandener Resistenz
  • Bei Kulturen, in denen Substrat, Düngung oder Klima das eigentliche Problem sind. Ein Biostimulanz heilt keine schlechte Kulturführung.

Warum wirkt derselbe Wirkstoff mal und mal nicht?

Glycin-Betain wirkt anders als Salicylsäure, Algenextrakt wieder anders. Jedes Produkt hat ein Anwendungsfenster aus Kultur, Phase und Stresstyp. Innerhalb des Fensters ist die Wirkung real und messbar. Außerhalb ist sie nahe null.

Die Aussage „Biostimulanzien wirken” ist deshalb genauso falsch wie „Biostimulanzien wirken nicht”. Die einzige sinnvolle Frage ist: dieser Wirkstoff, in dieser Phase, in dieser Kultur, mit welcher Erwartung?


Wenn Sie einen Biostimulanzien-Einsatz planen oder einen bestehenden auf den Prüfstand stellen wollen: rufen Sie an, wir gehen die Anwendung mit der Versuchsdatenbank durch. Welche Wirkung in welcher Kulturphase belegt ist, welche nicht.

Lampert & Schulte · +49 2865 43 99 643 · info@lampert-schulte.de

Quellen

  • Biolchim-Versuchsdatenbank 2018–2024 (LWK Niedersachsen, LELF Brandenburg, Universität Bologna, DLR Rheinpfalz)
  • Biolchim Präsentationen Biostimulanzien (2021, 2023)
  • Eigene Anwendungserfahrungen Lampert & Schulte

Häufige Fragen

Was unterscheidet Biostimulanzien von Dünger und Pflanzenschutzmitteln?
Sie liefern keine Nährstoffe und töten keine Schaderreger. Sie aktivieren pflanzeneigene Mechanismen: Wurzelwachstum, Stresstoleranz, Nährstoffaufnahme, sekundäre Abwehrstoffe. Wer sie als Dünger- oder PSM-Ersatz verkauft bekommt, sollte den Verkäufer wechseln.
Welche Wirkung ist von Biostimulanzien realistisch zu erwarten?
Aus dokumentierten Versuchen (LWK Niedersachsen, LELF Brandenburg, Uni Bologna): 5–10 % Ertragssteigerung, 5–25 % bessere Nährstoffeffizienz, rund 15 % Produktqualität. Keine Wundereffekte — aber solide Werte für ein Mittel, das im Cent-Bereich pro Pflanze kostet.
Kann Shift einen chemischen Hemmstoff ersetzen?
Nein. In Versuchen der LWK Niedersachsen 2022 an Pelargonium, Cuphea, Gomphrena und Primeln zeigte Shift allein keine Hemmwirkung. Ein Biostimulanz ist kein Wachstumsregler — wer es als Hemmstoff-Ersatz einplant, wird enttäuscht.

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